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PPI im Gespräch mit Kitro


PPI Schweiz und der Digital Finance Experts Blog sind bekannt für die Nähe zum Zahlungsverkehr. In diesem Blog haben wir etwas über den Tellerrand hinaus geschaut und waren bei Kitro, um mehr zum Thema Start-up-Dasein, Innovation und Umweltschutz zu verstehen.

Erst kürzlich hat das Bundesamt für Umwelt 5 Studien über die Lebensmittelverschwendung in der Schweiz präsentiert (siehe Bericht SRF). Schweizer Haushalte alleine werfen pro Jahr eine Million Tonnen Lebensmittel weg, insgesamt sind es 2.6 Millionen. Die Schweiz hat sich verpflichtet, bis 2030 50% weniger sog. food waste zu produzieren. Aber wie lassen sich die Abfälle überhaupt effizient messen? Eine Lösung bietet Kitro. Vor kurzem traf ich mich deshalb mit Naomi McKenzie, der Co-Gründerin des Lausanner start-ups.

Ich treffe Naomi in einem verlassen wirkenden Gebäude auf dem Siemens Areal in Albisrieden. Die 8 Mitarbeiter haben dort ein grossräumiges Büro inklusive der start-up-üblichen Couch-Ecke und dem Tischkicker. An einer Wand hängt ein grosses Poster mit bisherigen Kunden und zukünftigen Partnerschaften. Darunter sind grosse Lebensmittelkonzerne, Hotellerien und Kantinen-Zulieferer. Es mangelt also nicht an Arbeit, wie mir Naomi verrät. Das Interview führen wir dann in Englisch.

Hi Naomi, danke für die Einladung. Lass mich dich und dein Unternehmen erstmal etwas kennen lernen: Was macht ihr?

Hi, also wir sind Kitro, Abkürzung für Kitchen Hero, und wir automatisieren den Prozess der Messung von Lebensmittelabfällen in Restaurants, Kantinen und Hotel-Gruppen.

Wir kommen aus dem Gaststätten-Gewerbe und mussten dort erfahren, dass viele Lebensmittel weggeworfen werden. Wir sahen auch, dass es in Grossküchen schwierig ist, zu messen, was und wie viel weggeworfen wird. Bei Kitro nutzen wir Bilderkennungsverfahren und machine learning, um den ganzen Prozess zu automatisieren und nachvollziehen zu können, was wann und wieviel davon weggeschmissen wird.

Und wie funktioniert das?

Wir haben ein Hardware-Gerät entwickelt: Eine Waage platzieren wir unter der Abfalltonne, in die die Lebensmittel wandern. Darüber kommt eine Kamera. Dieses IoT-Gerät reicht die erfassten Daten an unsere Software weiter. Dort werden die Daten verarbeitet und dem Kunden auf einem Dashboard zur Verfügung gestellt.

Wie detailliert werden denn die Bilder verarbeitet?

Bis auf das einzelne Objekt genau. Der Algorithmus findet heraus, ob es sich um einen Apfel oder eine Birne handelt oder um Reis oder Quinoa. Auch ob es sich um den essbaren oder nicht essbaren Teil handelt. Je mehr Bilder der Algorithmus erhält, desto genauer werden die Analysen. Aber natürlich müssen die Objekte optisch unterscheidbar sein: Zwischen Joghurt und Sauerrahm kann nicht unterscheiden werden. Deshalb sucht die Software nur nach Lebensmitteln, die tatsächlich vom Kunden verwendet werden.



Die Software macht also die Lebensmittelverschwendung sichtbar. Aber wie lässt sich aus der Sichtbarkeit eine Reduktion erreichen?

Grundsätzlich ist es schwierig, den Abfall zu reduzieren, wenn man nicht weiss, woher er kommt. Und selbst Unternehmen die glauben, gut Bescheid zu wissen, können selten belastbare Daten oder Kosten angeben. Wenn man aber die Daten hat, ist es viel einfacher, das Management von Veränderungen im Einkauf und in den Prozessen zu überzeugen. Werden z.B. bestimmte Kombinationen regelmässig zusammen weggeworfen, oder landen bestimmte Lebensmittel zu bestimmten Zeiten häufig im Müll, kann man daraus lernen.

Hatten eure Kunden schon vorher Prozesse zur Messung des Abfalls?

Einige messen einmal jährlich für 4 Wochen. Das ist häufige Praxis in der Schweiz. Das Problem dabei ist, dass die Mitarbeiter in dieser Zeit ihr Verhalten ändern können. Ausserdem gibt es sehr viele Variablen, die den Abfall beeinflussen, und in einer kurzen Zeit schafft man es nicht, all diese Informationen zu erfassen.

Und wie messen die Unternehmen?

Manuell, mit Waagen und Excel-Sheets.

Ihr digitalisiert also einen Prozess, den es analog schon gibt?
Genau

Welche Kundengruppen habt ihr?

Wir arbeiten mit Kantinen, Restaurants, Universitäten, Spitälern und Hotelgruppen.

Und Banken?

Bisher nicht

Und was sind eure Pläne für die nächsten Jahre? Ich bin zum Beispiel beruflich oft in Hotels. Wenn ich wüsste, dass z.B. Mercure Hotels ihre Lebensmittelabfälle reduzieren, dann wäre das für die Hotels ein Image-Gewinn und ich hätte ein gutes Gewissen.
Genau. Immer mehr Menschen treffen Entscheidungen, etwa im Bereich Tourismus, auf Grundlage des ökologischen Einflusses. Daher wollen wir definitiv eine Zertifizierung etablieren und einen Standard aufbauen. Wir hoffen, dass unsere Daten aus den verschiedenen Unternehmen helfen, Standards festzulegen. Man könnte beispielsweise für Kantinen einer bestimmten Grösse definieren, wieviel Lebensmittelabfälle sie maximal produzieren sollten. Wir können ausserdem dabei helfen, den ökonomischen und ökologischen Fussabdruck zu bestimmen – z.B. durch die Messung der CO2-Bilanz der weggeworfenen Lebensmittel.

Das sind ja schon recht umfangreiche Ideen, danke dafür! Noch zu ein paar Bank-spezifischen Fragen: Wie bezahlen denn die Kunden gegenwärtig?

Wir arbeiten mit monatlichen Abos. Online Payments direkt über das Dashboard werden sicher ein nächster Schritt sein.

Welche Geschichte habt ihr mit Banken?

Also finanziert werden wir von privaten Investoren und über Subventionen. Wir sind aktuell für Banken noch zu klein und zu riskant. Unsere Hausbank ist die Credit Suisse und die treffen wir ab und zu, um über das start-up-Leben zu plaudern. Wir kennen sie über die Kickstart Accelerator Events. Wir nutzen darüber hinaus Bexio – wie wohl die meisten start-ups. Damit sind wir recht zufrieden.

Alles klar. Ich denke, wir haben einen guten Einblick erhalten. Hast du noch etwas, was du uns mitgeben willst?

Wir möchten Awareness für das Thema schaffen. Wir freuen uns, falls sich eine Bank mit uns austauschen möchte und hoffen natürlich, dass wir bald auch mit Banken beziehungsweise mit deren Kantinen zusammenarbeiten können.

Kitro Team


Naomi, vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!


Dieses Interview wurde von Sebastian Strub geführt.

Unser Blick in die Kristallkugel


Wir wagen zur Abwechslung einen etwas allgemeineren Blick auf die globale Lage der digitalen Transformation. An welchem Punkt auf dieser Reise stehen wir und wo führt uns diese Entwicklung hin? Was können wir von der Zukunft erwarten?  Natürlich ist vor allem letztere Frage philosophischer Natur und kann von uns auch nur mittels Annahmen beantwortet werden. Als Standortbestimmung tut es aber gut, ab und an die Dinge mit wachem Geist zu betrachten und verschmitzt in die Zukunft zu schauen. 

Bestehende Machtverhältnisse auf dem Prüfstand

Um den Status Quo inkl. der aktuellen Zukunftstendenzen zu begreifen, halten wir uns an das diesjährige World Economic Forum, kurz WEF. Denn da trafen sich Ende Januar die einflussreichen Menschen aus der Politik und Wirtschaft und auch dieses Jahr wurde in Davos wieder viel über die Digitalisierung diskutiert. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass durch neue Technologien die Prozesse immer schneller werden und die Welt damit disruptiver. Die digitalen Prozesse vernetzen nicht nur immer mehr Dinge und Teilnehmer und machen den Wettbewerb globaler, sie ändern auch die bis anhin geltenden Machtdynamiken. Das sehen wir an Beispielen wie der #MeToo - Bewegung oder an der Vermutung, dass während des letzten Präsidentschaftswahlkampfes in den USA Facebook-Daten in millionenfacher Ausführung, ohne das Wissen der User, gezielt zur Meinungsbildung missbraucht wurden. Die Neuverteilung von Macht ist durchaus ein sensitives Thema und betrifft viele Bereiche. Auch die Werbebranche wird durchgeschüttelt. Während Dienste wie Facebook und Google verhältnismässig junge Player in diesem Bereich sind, die sehr zielgerichtet bewerben können, sind heute auch gewisse Influencer in der Lage, mehr Nachfrage nach einem Produkt zu generieren als eine weltweit angelegte Marketing-Kampagne. Und das Gleiche gilt natürlich auch im umgekehrten Sinne, nämlich dann, wenn im Netz ein Shitstorm gegen ein Unternehmen angezettelt wird. Solche Prozesse sind schwer voraussehbar und können verheerende Folgen für ein Unternehmen haben. Hier ist viel im Umbruch und wir werden diesbezüglich noch das eine oder andere erleben. Doch diese Informationen sind weder neu, noch überraschen sie uns wirklich.

KI als Losungswort für die Zukunft

Was uns ab jetzt aber verstärkt beschäftigen wird, ist die Künstliche Intelligenz (KI), deren Fähigkeiten stetig zunehmen. Der Fantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt. Wir säen heute mit unserem Surfverhalten im Internet unzählige Nutzerdaten, die technisch durch die KI in kürzester Zeit herausgelesen, verglichen und wirtschaftlich nutzbar gemacht werden können. Hier ist jeder und jede von uns gefragt und auch gefordert. Denn bei einem durchschnittlichen Surfverhalten von mehreren Stunden pro Tag ist es durchaus verständlich, dass man als Individuum rasch den Überblick verliert, welchem Unternehmen man welche persönlichen Daten zur Verfügung gestellt hat. Und was mit diesen Daten tatsächlich geschieht, darauf hat kaum einer eine Antwort, geschweige denn einen starken Einfluss.

Die KI beschäftigt aber auch die Unternehmerwelt. Hier geht es in naher Zukunft erstmal darum, die vorherrschende Unternehmensinfrastruktur zu digitalisieren und vor allem auch die Unternehmenskultur ins digitale Zeitalter zu führen. Denn die KI wird, was die strategische Ausrichtung und die wirtschaftlichen Prognosen betrifft, die Prozesse weiter erheblich beschleunigen und auch genauer machen. Operationelle Entscheide können also automatisiert werden. Unternehmen müssen heute 24/7 wach sein und flexibel agieren und reagieren können, sonst gewinnt die Konkurrenz.

Unsicherheit macht sich breit

Die Angst vor dieser sich so rasch verändernden Welt ist bei den Firmen gross. In Deutschland fordert die Wirtschaft daher mit einer Petition einen Digitalminister oder eine Digitalministerin, damit jemand in der Regierung für die Digitalisierung zuständig ist und Rechtssicherheit sowie innovationsfördernde Rahmenbedingungen schaffen kann.

Alles wird „smart“

Im privaten Sektor, auf der Seite der Konsumenten, sieht die Sache jedoch etwas anders aus. Natürlich können wir davon ausgehen, dass unser Leben auch in einigen Jahren nicht bedroht sein wird, wenn wir gerade mal nicht online sein sollten. Aber Benedict Evens bringt es in seinem hervorragenden Text "smart homes and vegetable peelers" gekonnt auf den Punkt. Er führt das Beispiel der Grosseltern auf, die vor 60 Jahren noch aufzählen konnten, in welchen Geräten, die sie besassen, sich ein Elektromotor befand. Heute kann einem kaum jemand mehr sagen, wie viele kleine Elektromotoren alleine im eigenen Auto verbaut sind. Dafür weiss meine Generation wie viele der Geräte zuhause eine WLAN-Verbindung aufbauen können. Aber schon in 30 Jahren wird diese Frage für unsere Kinder nicht mehr interessant sein. Weil einfach alles „smart“ sein wird. Teilweise wird sich unser Leben dadurch vereinfachen. Gleichzeitig steigt aber auch unsere Netz-Abhängig- und Angreifbarkeit.

Damit wir als Gesellschaft damit umgehen können, braucht es in der Schule von heute digitalisierte Unterrichtsformen. Schliesslich sollen unsere Kinder „smart“ werden. Diesen Wunsch äusserten wir schon in unserem Beitrag Switzerland goes digital. Denn es hilft nichts, wenn man von der Wirtschaft im globalen Wettbewerb erwartet, dass digitalisiert wird, aber die Ausbildungsstätten nur ganz zögerlich mitmachen und kaum Zukunftsskills vermitteln. Hier besteht eine grosse Diskrepanz, die es zu schliessen gilt, wie es auch der Artikel von Stephan Grabmeier zeigt.

Die Roboterarbeit ist im Vormarsch

Bleibt also noch der Blick auf die Arbeit. In diesem Bereich wird sich in naher und mittlerer Zukunft viel verändern. Hier werden Routineaufgaben, die durch intelligente Systeme erledigt werden können, nicht mehr von Menschen ausgeführt werden müssen. Vergleichen Sie dazu auch auch unseren Blog über die Robotic Process Automation – RPA. Auch wenn es der St. Galler Kantonalbank kürzlich gelungen ist mittels Roboter 5 Stellen einzusparen, so ist es falsch zu glauben, dass es künftig nur noch für wenige Menschen Arbeit geben wird. Jede technische und wirtschaftliche Revolution hat bisher nicht zu weniger Arbeit geführt, sondern die Produktivität gesteigert und neue Berufe hervorgebracht. So wird es auch mit der digitalen Transformation sein. Die Robotik zum Beispiel wird künftig mehr denn je entscheidend dafür sorgen, dass Menschen in der Arbeit physisch und psychisch entlastet werden. So zum Beispiel in der Krankenpflege, wo die emotionale Robotik Arbeitnehmer erheblich unterstützen, aber sie sicher nie ganz ersetzen kann.

Nicht nur für Unternehmen, auch für uns Individuen gilt, dass wir uns wach und mit Interesse in dieser doch eher jungen Welt bewegen sollten. Unser Denken muss agil und flexibel sein und was den Arbeitsmarkt betrifft, sollten wir uns bewusst sein, dass wir keine Verbindung für immer antreten. Wir werden nie aufhören können zu lernen um mit der Zeit zu gehen. Das wusste schon Goethe:

„Zwischen heut und morgen
Liegt eine lange Frist;
Lerne schnell besorgen
Da du noch munter bist.“ 


Dieser Blog wurde von Matthias Hungerbühler gepostet

#Digitalisierung #Robotics #SwitzerlandGoesDigital #Smart #KI

Die Entmündigung des Gewissens

Wir wagen zu Jahresbeginn einen Blick auf das sich in China im Aufbau befindende digitale Gesellschafts-Bewertungssystem. (Als Grundlage für die nachfolgenden Überlegungen diente ein Artikel aus Der Spiegel)

Bis heute hatten wir in unserem Leben hier in der Schweiz mit hoher Wahrscheinlichkeit Berührungspunkte mit der Super- oder Cumuluscard eines Grossverteilers (vgl. TA-Bericht), oder mit dem bei der Wohnungssuche unerlässlichen Betreibungsregisterauszug. Bald aber könnte es vielleicht auch hier ein omnipräsentes Bewertungssystem geben, das die Handlungen von jedem und jeder von uns permanent ratet. In die Echtzeit-Bewertung einfliessen sollen nicht nur Spuren, die wir beim Einkauf hinterlassen oder wenn wir einer Zahlungsaufforderung lange nicht nachkommen. Das Bild, das durch das System vom Menschen geschaffen wird, durchleuchtet uns und unser Handeln tief und wird zum neuen „Gewissen der Gesellschaft“. 

China ist dabei ein solches Rating-System für seine Bürger aufzuziehen. Jedermann lässt sich darüber rasch auf seine „Fehlbarkeit“ hin prüfen. Gespeist wird diese neue, digitale Klassifizierung durch sämtliche Datenspuren, die wir als Individuen hinterlassen. Damit sind nicht nur unsere Posts in den Sozialen Medien gemeint oder die Geschwindigkeit in der wir unsere Rechnungen bezahlen, sondern alles, was über uns in irgendeiner Form erfasst werden kann. So könnten Bewerbungsgespräche bald schon der Vergangenheit angehören, denn das Punktesystem weiss mehr über uns als jedes Gespräch zum Vorschein bringen kann. Hierbei stellt sich die Frage, ob mit dem Punktesystem die Menschlichkeit verloren geht.

Auf den ersten Blick bietet das System einige Vorteile. Während wir uns heute bei potenziellen Geschäftspartnern auf deren Ruf, ein paar wenige Facts und vielleicht einen persönlichen Eindruck verlassen müssen, können wir künftig sekundenschnell einen Blick auf die Punktestatistik des Bewertungssystems werfen und wir wissen Bescheid. Das System zeigt uns, wer integer ist und wer nicht. Denn es berücksichtigt das Vorstrafenregister genauso wie die Zahlungsmoral, die ausgewerteten Gesundheitsdaten gleichwohl wie Einkaufsgewohnheiten und Sportaktivitäten oder die Ausbildung. Ein angemessener eigener Punktestand öffnet einem Tür und Tor für Heirat, Karriere und zur Upper-Class, denn wer punktet ist attraktiv. Wer viele Punkte hat gilt mehr als nur als Gutmensch. Dieses System hat das Potenzial, die gesellschaftlichen Schichten zu revolutionieren und manch einem zu Chancen zu verhelfen, die er oder sie bisher nicht erhalten hatte, weil die guten Taten schlichtweg nicht auf diese Art bewertet wurden. Für die Wirtschaft und auch für den Staat ein scheinbar ausserordentlich nützliches Tool. Aus ethischer Sicht ist es jedoch mehr als fragwürdig. Bis zum heutigen Zeitpunkt fehlt dem System jegliche Transparenz. Niemand weiss richtig, wie und was bewertet wird. Genaue Informationen von China diesbezüglich erfahren zu wollen bleibt wohl ein unerfüllter Wunsch. Klarheit wird man ansatzweise wohl frühestens nach der Einführung erlangen können. Welches Verhalten wird belohnt und welches bestraft? Und vor allem: wer entscheidet darüber? 

Wir freuen uns über Ihre Kommentare, Einschätzungen und Gedanken zu der Idee eines digitalen Bewertungssystems. Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer? 

So oder so, ein besserer Mensch kann man auch mit eigenen guten Vorsätzen fürs neue Jahr werden, dazu braucht es das digitale Gewissen nicht. Wir wünschen Ihnen einen guten Start ins 2018 und freuen uns auf inspirierende Begegnungen. 


Für Sie gebloggt hat Matthias Hungerbühler

#Digitalisierung #DigitalIdentity #GewissenDerGesellschaft #KYC #eGesellschaft #SmartRobotic


Stühlewanken bei den Banken


Oder: „Reich wird man nicht durch das, was man verdient, sondern durch das, was man nicht ausgibt“ (Henry Ford).



Wir nehmen ein Interview von CNBC mit dem Deutsche Bank CEO John Cryan von Mitte September als Grundlage für eine Diskussion über gefährdete Jobs bei den Banken. Cryan unterstrich seither seine Angriffslustigkeit auf Bankjobs auch in einem Interview mit der Financial Times, indem er klar kommuniziert, dass die Beschäftigtenzahl des Hauses viel zu hoch sei.



Gegenüber CNBC antwortet John Cryan auf die Frage, wie viele Jobs denn nun tatsächlich durch die zunehmende Automatisierung gefährdet seien, mit: "very hard to say", um dann zu ergänzen, dass es "a lot of people over the next five to 10 years" betreffen werde. 



Dieses Jobsterben bei Banken beschränkt sich nicht etwa auf einzelne Institute, nur auf Grossbanken oder einzelne Länder, es ist vielmehr ein sektorweites Phänomen. Denn aus der Finanzkrise haben die Banken vor allem eines gelernt: Die eigene Kostenstruktur viel stärker als zuvor im Blick zu haben. Diese Sichtweise ist, wie das Zitat im Titel zeigt, nicht neu, ging aber in den rosigen Bankenjahren mehr und mehr vergessen. Es geht sehr stark darum, im eigenen Unternehmen Abläufe zu optimieren und einfacher zu gestalten und wenn immer möglich, zu automatisieren. Neue Computertechnik hilft dabei genauso wie neue verhaltenspsychologische Erkenntnisse. Soweit so gut. Aber lassen sich damit wirklich Personalkosten sparen?



Cryan kommt zum Schluss, dass sein Haus, verglichen mit der Konkurrenz, noch immer viel zu viele Menschen beschäftigt. Sein Fokus liegt dabei wieder vermehrt auf der Anzahl der Mitarbeiter, die mit dem Kunden in eine Interaktion treten. Diese soll erhöht werden während interne Prozesse einer starken Prüfung unterzogen werden. Alles, was Mitarbeiter an Aufgaben bindet, die eigentlich ein Roboter erledigen kann, soll weggestrichen werden. 

Gemäss dem CEO der Deutschen Bank geht es um ein klares Upskilling der Arbeiten. Er will seinen Angestellten vermehrt wieder befriedigende Aufgaben übertragen und sie nicht einfache mechanische Arbeiten ausführen lassen. Die Menschen sollen wieder mehr Freude an der Arbeit bekommen und vermehrt auch kreativ denken müssen. Insofern unterscheidet er sich doch stark von Henry Ford, dem cleveren Anwender der Fliessbandfertigung. 
Das alles klingt nach einem guten Vorsatz, doch was bedeutet es konkret? Heisst das, der Sachbearbeiter von heute ist der Kundenberater von morgen? Ganz so einfach ist es wohl nicht. Eher sind das nett klingende Worte für die Kernaussage: „Danke schön, das war’s“.


Unbestritten ist, dass so ziemlich alle Banken die Möglichkeiten der Prozessoptimierung durch Automation nutzen und dafür auf den Einsatz von immer intelligenter werdenden digitalen Lösungen setzen. Auch der Kunde übernimmt immer mehr Aufgaben selbst. Dienstleistungen, die früher die Bank erledigte, vollzieht der Kunde heute im E-Banking. Das für manche Bankangestellten und auch Kunden schmerzhaft spürbare Resultat daraus ist zumindest das Wegsterben vieler Zweigniederlassungen. Und genau hier geht Raum für Begegnungen und positive Kundenerlebnisse verloren. Das steht im Widerspruch zu Cryans Wunsch, wieder mehr Mitarbeiter für zwischenmenschliche Begegnungen einzusetzen. Und obwohl munter gestrichen und vermeintlich gespart wird, steigen die Löhne im Bankensektor (https://www.cash.ch/news/top-news/finanzplatz-schweiz-das-bankensterben-geht-weiter-1097302). 

Insofern behält der CEO der Deutschen Bank doch recht, dass klar ein Upskilling bei den Bankjobs stattfindet. 


Aber kreativ denkende Mitarbeiter in verantwortungsvollen Positionen, die ihren Bereich überblicken und die Zukunft aktiv mitgestalten, kosten mehr. Irgendwo harzt also Cryans Wunsch und wir kriegen das Gefühl nicht los, dass es hierbei weniger um das Wohle der Mitarbeiter geht, sondern eher um die Verschlankung der Personalstruktur im Hinblick auf die nächste Erfolgsrechnung. Ob die Rechnung somit ganzheitlich gemacht wird, werden wir sehen. Denn der Schwerpunkt der Arbeit verschiebt sich entgegen Cryans anfänglicher Aussage, zwar weg von stark repetitiven Aufgaben im Backoffice, aber nicht etwa hin zu mehr zwischenmenschlichem Kundenkontakt. Er geht ganz klar in Richtung IT. Da laufen die kosten- und personalintensiven und knowhow-starken Projekte. Und hier gilt ohne Wenn und Aber: Wer sich strategisch clever aufstellt und mit den richtigen Leuten eine klare Linie verfolgt, der meistert die Herausforderungen effizient und in einer überschaubaren Zeit. Wer aber einfach mal anfängt und seine IT-Abteilung wild programmieren lässt, der läuft Gefahr sich stark zu verzetteln und erheblich Geld zu vernichten. Dieser Grundsatz gilt nicht nur für Herrn Cryan und die Deutsche Bank, sondern beansprucht Allgemeingültigkeit. 



Richtiges Know-how am richtigen Ort zur gefragten Zeit ist Gold wert und kann mit guten Lösungen zu positiven Kundenerlebnissen führen, auch auf digitalen Plattformen. Ob das nun durch Upskilling im eigenen Betrieb erfolgt oder durch externe Unterstützung ändert an der Zielsetzung des Projekts eigentlich nichts. Denn so oder so, billig ist das Unterfangen mit der Digitalisierung nicht, denn auch beim Upskilling gilt: „if you feed peanuts, you get monkeys“.

Somit wird die (Personal-)Kostenstruktur vermutlich auch morgen noch eine Herausforderung für die Banken sein. Und wie viele Sachbearbeiter bei der Deutschen Bank in Zukunft wirklich neue, viel spannendere Aufgaben erhalten, werden wir wohl nie erfahren. 


Dieser Beitrag wurde von Matthias Hungerbühler gepostet.


#Digitalisierung, #DigitalTransformation, #Upskilling