In jedem Ökosystem gibt es auch Verlierer

Lässt man die Fachbeiträge und Konferenzen der letzten Monate Revue passieren, dann stellt man fest, dass der Begriff «Digitales Ökosystem» hyperinflationär verwendet wurde. 


Als Experten im Zahlungsverkehr treffen wir auch häufig die Abwandlungen «Ökosystem des Zahlungsverkehrs» oder gar «Europäisches Ökosystem des Zahlungsverkehrs» an. Auf den ersten Blick ist so ein Ökosystem ja etwas Feines und wird auch jeweils als etwas äusserst Positives dargestellt, wo jeder Akteur im System seinen Nutzen realisieren kann. Ein Blick zum Vorbild aus der Naturwelt zeigt allerdings, dass es mitunter sehr brutal zu und her geht und es am Ende der Nahrungskette nicht allzu viele Plätze zu besetzten gibt. 

Schlagen wir nun den Bogen zum «Schweizerischen Ökosystem des Zahlungsverkehrs». In der Analogie zur Natur könnte man dieses als ein Naturschutzgebiet innerhalb von Europa bezeichnen.

Wie wir wissen, können wir die EU-Regulationen im Zahlungsverkehr weitestgehend ignorieren und uns ganz auf unser heimisches Schaffen konzentrieren. Da werden z.B. Digitale Sparschweine lanciert, Sackgeld-Apps entwickelt oder eine nationale mobile Bezahllösung mit grossem (finanziellem) Aufwand im Markt gepuscht. Als Europäisch aufgestellte Produkt- und Beratungsfirma reibt man sich beim Austausch mit den Kollegen oftmals die Augen. Die aktuell von Europäischen Banken getriebenen Top-Themen wie «Request to Pay» (RTP) oder «European Payment Initiative» (EPI) sind hierzulande nur Insidern ein Begriff. Bei der Modernisierung der Zahlungsverkehr-Infrastruktur Richtung Instant Payments (IP) ist der Schweizer Finanzplatz ebenfalls fünf Jahre im Rückstand im Vergleich zu den Europäischen Finanzinstituten (aktuelle Erreichbarkeit von IP gegen 70%).

Instant Payments (IP) und Request to Pay (RTP) wurden als Thema in diesem Blog bereits beleuchtet, sodass es sich unserer Meinung nach Lohnt noch einen Blick auf die «European Payments Initiative» (EPI) zu werfen. An einer kürzlich durchgeführten Online-Konferenz waren die vertretenen Top-Banker der Runde der Meinung, dass EPI das Mittel sein wird, um die Hoheit im Europäischen Ökosystem des Zahlungsverkehrs zurück zu erlangen. Dies in Kombination mit den Instrumenten RTP und IP. Man könnte salopp auch sagen, man möchte das Ende der ZV-Nahrungskette nicht kampflos den Konkurrenten aus USA und China überlassen. Die EPI soll ein Bezahlschema entwickeln, welches die Abwicklung von Transaktionen in einem Geschäft ab dem Bankkonto als zentrales Element ausweist und somit Zwischenhändler wie Visa oder Mastercard ausschaltet.

Im Gegensatz zu den regulatorisch getriebenen PSD2-Initiativen ist EPI rein privatwirtschaftlich getrieben und unter den aktuell 16 Aktionären der kürzlich mit Sitz in Brüssel gegründeten EPI Interim Company entdeckt man das Who is Who der Europäischen Bankenlandschaft (u.a. DB, Commerz, Crédit Agricole, ING, Banco Santander, Unicredit, etc.). Natürlich stellt sich jedem Schweizer Banker mit Blick auf die Liste sofort die Frage, warum z.B. UBS oder Credit Suisse zu den Abwesenden zählen? Da machen sich die führenden Banken in Europa daran eine zumindest mittelgrosse Revolution im Zahlungsverkehr anzuzetteln und wir sind nicht mit von der Partie? Aus unserer Sicht braucht es jetzt nochmals ein Wachrütteln der verantwortlichen Entscheider im Zahlungsverkehr Schweiz. Ansonsten riskieren wir nicht nur einen Rückstand bezüglich der State of the Art ZV-Abwicklung (Stichwort IP), sondern den Anschluss komplett zu verlieren. Wir sollten also dringend das Augenmerk wieder auf die wirklich relevanten ZV-Entwicklungen in Europa und der Welt richten.

Dieser Blog wurde von Carsten Miehling gepostet


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