24/7/365 Payments in der Schweiz – Eine PPI Situationsanalyse

Seit gut einem Jahr beschäftigen sich die Schweizer Grossbanken auf Anregung der Schweizerischen Nationalbank mit dem Thema Instant Payments (IP) für den Finanzplatz Schweiz. Orchestriert werden die Analysen von einer «Big Three» Consulting-Gesellschaft im Rahmen einer Studie unter Einbezug der Top-Level Manager der jeweiligen Finanzinstitute.
Der nachfolgende Blogbeitrag analysiert die aktuelle Situation zum Thema in der Schweiz, stellt die Sichtweisen der relevanten Akteure dar und gibt Empfehlungen für ein mögliches weiteres Vorgehen ab.

Schauen wir zunächst auf unsere Nachbarn im SEPA-Raum. Im November 2017 wurde SEPA Instant Payments als eigenständiges auf der SEPA basierendes Schema lanciert. Innerhalb von 10 Sekunden können Kunden der freiwillig teilnehmende Banken Beträge mit einer Transaktionsgrenze von 15'000 EUR (ab Juli 2020 100'000 EUR) End-to-End rund um die Uhr versenden und empfangen. Die Gutschrift beim Begünstigten wird unwiderruflich verbucht. Stand heute sind 22 Länder und über 2'000 Banken in Europa erreichbar. Das Instant Payments Transaktionsvolumen beträgt derzeit ca. 5% aller SEPA-Transaktionen.

Ausserhalb des SEPA-Raums gibt es noch weitere produktive Instant Payments Systeme ausserhalb des Euros. Zu erwähnen wären hier beispielsweise «Faster Payments» in England (seit 2008), «Express ELIXIR» in Polen (seit 2012), «CERTIS/AMOS» in Tschechien (seit 2018) oder die auch hierzulande bekannte mobile Lösung «Swish» aus Schweden (seit 2012). Rund um den Globus sind weitere produktive Instant Payment Lösungen im Markt angekommen, z.B. «New Payments Platform NPP» in Australien (seit 2018), «IBPS» in China (seit 2010) oder das aktuelle Projekt «Realtime Payments» vom US Clearing House.

Wie stellt sich zurzeit die Situation in der Schweiz dar? In Gesprächen mit Bankvertretern wird oft das Argument ins Feld geführt, dass hierzulande mit der zentralen SIC-Plattform bereits ein Realtime-System zur Verfügung stehen würde und Kunden schon heute mit der TWINT-App Instant Payments tätigen können. Zudem sei die Nachfrage bei den Kunden nach Instant Payments nicht wirklich vorhanden. Aus Sicht PPI stellt SIC selbstverständlich eine gut aufgestellte zentrale Plattform mit über 300 teilnehmenden Banken zur Verfügung und die Überweisungen sind zu den Cutoff-Zeiten in der Regel auch sehr kurz, man könnte sagen «near instant» und für Nutzer von TWINT ist für Kleinbeträge das Empfinden in der Tat instant, dies sogar rund um die Uhr, auch samstags und sonntags.

Mit den eingangs erwähnten produktiven Angeboten in Europa und auch international kann die hiesige Infrastruktur jedoch nicht ganz mithalten, was auch die Initiative der Schweizerischen Nationalbank unterstreicht. Aus Sicht des Betreibers der SIC-Plattform soll sich der Finanzplatz Schweiz in Anbetracht der zunehmenden Konkurrenz im internationalen Zahlungsverkehr Gedanken machen, in welcher Art und Weise Instant Payments in der Schweiz eingeführt werden könnte. Als Konkurrenz sind denn auch nicht nur ausländische Banken gemeint, sondern in erster Linie auch Lösungen der sog. «GAFA» (Google, Apple, Facebook und Amazon) aus den USA oder sog. Closed Loop Systeme wie Alipay aus China.

Die Vertreter der SNB sehen ein grosses Potential für Instant Payments in der Schweiz und wünschen sich ein kooperatives Vorgehen der Schweizer Finanzinstitute mit dem Ziel ein IP-Schema für Schweizer Franken mit freiwilliger Beteiligung der hiesigen Banken zu implementieren. Idealerweise würde SIX als operativer Betreiber des aktuellen Systems SIC4 eine neue separate Plattform aufbauen und diese gemeinsam mit den Banken im Markt einführen. Eine der grössten Herausforderung für eine Markteinführung besteht im Umstellungsbedarf der Zahlungsverkehrsinfrastrukturen bei den Banken.

PPI-Umfragen bestätigen einen grossen Handlungsbedarf bei den Zahlungsverkehrs-Systemen im Falle einer Umstellung auf Instant Payments. Insbesondere die Hochverfügbarkeit (24/7/365) stellt eine grosse Herausforderung dar, was auch das Zitat von Jürgen Kaczmarek von der DZ BANK mit produktivem IP-Angebot, verdeutlicht: «Die grösste Herausforderung bei Instant Payments ist das Betreiben einer unterbruchfreien Infrastruktur, 24 Stunden, 7 Tage die Woche an 365 Tagen im Jahr». Die jeweiligen Umsetzungszeiten für das Erreichen einer IP-Compliance werden von den Finanzinstituten im Rahmen von einem halben Jahr bis zu zwei Jahren angegeben.

Es liegt auf der Hand, dass solche Systemanpassungen erhebliche Investitionen seitens der Banken mit sich bringen und aus diesem Grund nach einem Business Case gesucht wird. Denkbar wäre z.B. das Erheben von Gebühren auf Instant Payments, wie es z.B. in Frankreich mehr oder weniger erfolgreich praktiziert wird. In Märkten wie Deutschland oder der Schweiz scheint dieser Ansatz allerdings wenig erfolgsversprechend, da die Kundschaft, insbesondere im Retail- und KMU-Geschäft, den Zahlungsverkehr als kostenlose Dienstleistung betrachtet. Dies würde sich auch mit Instant Payments kaum verändern.

Nichtsdestotrotz können die Banken das Thema nicht einfach ignorieren. Wie sagte kürzlich ein Bankenvertreter: «es wird sowieso kommen, die Kunden werden es als selbstverständlich fordern und wenn wir es nicht anbieten können, spielen wir im Zahlungsverkehr keine Rolle mehr». Selbstverständlich ergeben sich auch bei Instant Payments Chancen für die Banken. Diese liegen jedoch viel eher im strategischen Bereich, wo es darum geht das Bankkonto als Ankerprodukt zu verteidigen und gegebenenfalls durch geschickte Kooperation mit Drittanbietern das oft zitierte, für alle nutzenbringende, Ökosystem aufzubauen.


Gemäss unseren Erfahrungen mit IP-Projekten in Europa und in Anbetracht der doch relativ langen Implementierungszeiten, sollten jetzt die Analysen abgeschlossen und die Planungsarbeiten für eine IP-Einführung auf dem Finanzplatz Schweiz gestartet werden. Wohlwissend, dass gewichtige weitere nationale Initiativen wie QR-Bill, eBill oder b.Link ebenfalls Ressourcen benötigen und auch in Zukunft noch benötigen werden, kann aus strategischer Sicht das Thema Instant Payments nicht auf die lange Bank geschoben werden. Die erwähnten konkurrierenden Payments Provider werde auf die speziellen Umstände im Schweizer Markt keine Rücksicht nehmen.

PPI unterstützt Schweizer Finanzinstitute mit Instant Payments Workshops, dem «Payments Speed Checkup» und Strategie-Entwicklungen. Gerne treffen wir uns mit Ihnen zu einem ersten, kostenlosen, unverbindlichen Gespräch (auch online).


Dieser Blog wurde von Carsten Miehling gepostet

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